Industrie. Geschichte. Engagement. Forum zu Zeitgeschichte und Zukunftsperspektiven

Industrie. Geschichte. Engagement. Forum zu Zeitgeschichte und Zukunftsperspektiven

Organisatoren
Stiftung Ettersberg; Thüringer Landesbeauftragter zur Aufarbeitung der SED-Diktatur; Stadt Eisenach; Stiftung Automobile Welt Eisenach; Stiftung Lutherhaus Eisenach; Landratsamt Weimarer Land; Volkskundliche Beratungs- und Dokumentationsstelle im Thüringer Freilichtmuseum Hohenfelden; Forschungsverbund „Diktaturerfahrung + Transformation“ (Stiftung Ettersberg)
Förderer
Bundesministerium für Bildung und Forschung
Ort
Eisenach
Land
Deutschland
Fand statt
In Präsenz
Vom - Bis
25.03.2023 - 25.03.2023
Von
Emilia Henkel, Historisches Institut, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Als rund um den 30. Jahrestags von Maueröffnung und Deutscher Einheit in Zeitungsartikeln, Podiumsdiskussionen und Fernsehsendungen auf drei Dekaden Aufarbeitung, Erforschung, Musealisierung und Erinnerung der DDR zurückgeblickt wurde, stand am Ende oft ein kritisches Fazit: Das dominante Narrativ zur SED-Diktatur in Forschung und Medien schien an vielen Stellen in Widerspruch zu den individuellen Erinnerungen Ostdeutscher an ihr Leben in der DDR zu stehen. Der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte und 2019 gegründete Forschungsverbund „Diktaturerfahrung und Transformation: Biographische Verarbeitungen und gesellschaftliche Repräsentationen in Ostdeutschland seit den 1970er Jahren“ setzte sich deshalb das Ziel, Räume zu schaffen, in denen die verschiedenen Perspektiven zur Sprache und ins Gespräch gebracht werden.

Dafür haben Mitarbeiter:innen der Stiftung Ettersberg nun zum zweiten Mal Akteur:innen aus Forschung, Praxis und Öffentlichkeit in einem Forum zu Zeitgeschichte und Zukunftsperspektiven einer Thüringer Stadt abseits der universitären Zentren zusammengebracht. Nach dem Oberhofer Forum im Mai 2022 wurde diesmal im Museum der Stiftung Automobile Welten in vier Panels über Geschichte, Gegenwart und Zukunft Eisenachs als Standort der Automobilindustrie und als Ort zivilgesellschaftlichen Engagements diskutiert.

Jörg Ganzenmüller (Jena) hieß die zum Großteil aus Eisenach kommenden Teilnehmer:innen willkommen und erinnerte an die Leitfrage der Veranstaltungsreihe, wie in Thüringer Städten mit den Hinterlassenschaften der DDR umzugehen sei. Er plädierte für ein städtisches Geschichtsbewusstsein, das über positive, identitätsstiftende Erzählungen hinaus auch schwierige und ambivalente Facetten einbeziehe. Im zweiten Grußwort rekapitulierte der Bürgermeister Christoph Ihling (Eisenach) die in Eisenach identitätsstiftenden und touristisch lukrativen Pfeiler der Stadtgeschichte: die Wartburg, die Heilige Elisabeth, Luther und Bach. Zugleich begrüßte er die städtische Auseinandersetzung mit der Zwangsarbeit in der Eisenacher Rüstungsindustrie im Zweiten Weltkrieg und den Brüchen der postsozialistischen Transformation als Grundlage für eine bunte und vielfältige Stadtgesellschaft.

Im ersten Panel wurde das ambivalente Verhältnis von Kirche, Staat und Stadt während der DDR-Zeit in Eisenach thematisiert. In seinem Impulsvortrag spannte der am Lutherhaus beschäftigte Historiker MICHAEL WEISE (Eisenach) einen Bogen von der kaum vollzogenen Entnazifizierung der stark belasteten Thüringer Landeskirche zu dem umstrittenen „Thüringer Weg“, einer Annäherung an den sozialistischen Staat, den der in Eisenach ansässige evangelische Landesbischof Mitzenheim maßgeblich vorantrieb. Er skizzierte einen kirchlichen Übergang von „braun“ zu „rot“, der durch die gezielte Rekrutierung NS-belasteter Pfarrer als IMs durch die Staatssicherheit befestigt worden sei. Am Ende der DDR sei die Distanz zwischen Kirche und Staat jedoch wieder gewachsen, sodass auch in Eisenach die Kirche 1989 zum Ausgangspunkt der Friedlichen Revolution wurde. Erinnerungen aus dieser Zeit teilten im Anschluss auf dem Podium Margot Friedrich (Erfurt) und Christhard Wagner (Erfurt), die damals als bei den Frauen für den Frieden engagierte Pfarrfrau und als Landesjugendpfarrer die Friedensgebete mitgestalteten. Sie kamen überein, dass die Friedlichen Revolution ihre Biografien entscheidend geprägt habe und ihre Generation bis heute von der damaligen Euphorie zehre.

Das zweite Panel beschäftigte sich mit der Geschichte und Gegenwart der Automobilindustrie in Eisenach. Die für das Archiv der Stiftung Automobile Welten in Eisenach verantwortliche Historikerin JESSICA LINDNER-ELSNER führte mit einem Überblick über die 125-jährige Produktion von Autos – angefangen mit der Marke Dixi über den Wartburg bis Opel – in das Thema ein. In dem anschließenden Podiumsgespräch standen dann die jüngsten Umbrüche –vom Wartburg zum Opel und die anschließenden Konzernwechsel – im Mittelpunkt. Harald Lieske (Eisenach), zwischen 1991 und 2013 Betriebsratsvorsitzender bei Opel, erinnerte sich, schon 1990 erkannt zu haben, dass die von der Treuhand verwalteten VEB Automobilwerke Eisenach keine Zukunft haben würden, weswegen er als einer der ersten zu Opel wechselte. Reinhard Schäfer (Eisenach), Autobauer in vierter Generation und Geschäftsführer des Vereins „Automobilbau Museum Eisenach“, berichtete dagegen von dem Schock in seinem Umfeld angesichts der Abwicklung der AWE und der Entlassung tausender Arbeiter:innen. Zusammen mit den zahlreichen Krisen und Schließungsdrohungen des Opelwerks in den letzten 20 Jahren habe dieser Schock zu einer tiefen Verunsicherung und zu Zukunftspessimismus unter den Beschäftigten in der Automobilindustrie der Stadt geführt. Uwe Laubach (Eisenach), Vertreter der IG Metall, stellte im Gespräch mit den anderen Podiumsteilnehmenden eine Verstetigung dieser Verunsicherung nach der Vereinigungskrise durch immer neu drohende Schließungen, Entlassungen und Prekarisierung der Arbeitsbedingungen nicht nur im Hauptwerk, sondern auch in der Zuliefererindustrie, heraus. Die Verkehrswende stelle die Eisenacher Automobilindustrie schon jetzt vor größere Aufgaben als die postsozialistische Transformation vor 30 Jahren.

Im dritten Panel verschob sich der Fokus der Diskussion von der Industrie wieder zum zivilgesellschaftlichen Engagement in der Stadtgesellschaft. In seinem Impulsvortrag zeichnete der SPD-Stadtrat und Präsident des Kreissportbundes MICHAEL KLOSTERMANN (Eisenach) die Breite der Eisenacher Zivilgesellschaft vom Bündnis gegen Rechts über das Engagement für Theater und Bewahrung des Stadtbildes bis zu den zahlreichen Sportvereinen in der Stadt nach. Er problematisierte aber auch das gefestigte Wählerpotenzial, das rechtsextreme und rechtspopulistische Parteien in einem Viertel der Eisenacher Bevölkerung gefunden haben. Die Auseinandersetzung mit den rechten Strukturen in der Stadt war auch ein Schwerpunkt des anschließenden Podiums. Der linke Stadtrat Philipp Pommer (Eisenach) berichtete über seinen Umgang mit Gewalterfahrungen und Todesdrohungen aufgrund seines lokalen Engagements gegen Rechtsextremismus. Dennoch lebe er gern in Eisenach, der Stadt, die ihm seit der Kindheit vertraut sei, wo er Freunde und Familie habe. Gerade für junge Menschen müsse aber eine breitere (sub-)kulturelle Infrastruktur geschaffen werden, die den Angeboten der rechtsextremen Szene etwas entgegensetzt. Dem stimmten die ebenfalls in Eisenach geborenen Podiumsgäste Nele Bär von BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN und Juliane Stückrad von der SPD und als Ethnologin tätig in der volkskundlichen Beratungs- und Dokumentationsstelle Thüringens zu. Letztere hob zudem die Bemühungen in Eisenach hervor, bürgerschaftliches Engagement nach dem Stillstand und Abstand der Corona-Pandemie wiederzubeleben. Dazu seien niedrigschwellige, Spaß und Gemeinschaft in den Vordergrund stellende Angebote wichtig.

Im letzten Panel standen Zukunftsentwürfe für Eisenach im Mittelpunkt. In ihrem Impulsvortrag entwarf die Integrationsmanagerin der Stadt NICOLE PÄSLER (Eisenach) die Vision einer Stadt, die Neuankommende als Bereicherung der Stadtgesellschaft und des Industriestandorts willkommen heißt. Auf dem Podium konstatierte die Frau Burghauptmann (sic!) der Wartburg Franziska Nentwig (Eisenach), dass es Eisenach hauptsächlich an positiven Visionen für die Zukunft und einem Bewusstsein der eigenen Stärken fehle. Dabei habe die Stadt in kultureller Hinsicht mit Wartburg, Luther und Bach weit mehr zu bieten als andere Orte. Auch die anderen Podiumsgäste bescheinigten der Stadt Stärken. Der Pressesprecher des Thüringer Sportvereins Thomas Levknecht (Eisenach) berichtete von der Arbeit der erfolgreichen Handballmannschaft mit Kindern und Jugendlichen in der Region, bei der Herkunft keine Rolle spiele und rassistische Vorurteile überwunden werden. Der Speditionsunternehmer Shpetim Alaj (Eisenach) traute der Stadt auch über die Automobilindustrie hinaus eine gute wirtschaftliche Entwicklung zu, für die die zentrale Lage in der Bundesrepublik eine gute Voraussetzung sei. Der Schulleiter des Martin-Luther-Gymnasiums Thomas Giesa (Eisenach) betonte die Stärken der nachwachsenden Generation. Ihre Abwanderung in Universitätsstädte nach dem Schulabschluss stelle kein Problem dar, solange attraktive Arbeitsplätze und Lebensbedingungen in Eisenach zu einer späteren Rückkehr einladen. Der Moderator Peter Wurschi (Erfurt), Thüringer Landesbeauftragter zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, befand, dass das Nörgeln nicht nur typisch für Eisenach, sondern für ganz Thüringen sei. Die Herausforderung der Stadt sei, so schloss er zusammenfassend, negative (Selbst-)Erzählungen zu durchbrechen und die lokalen Ressourcen selbstbewusst einzusetzen.

Insgesamt ist es dem Forum gelungen, eine breite Auswahl in der Stadt anerkannter Akteur:innen auf den Podien ins Gespräch zu bringen und damit das Interesse vieler Eisenacher:innen zu wecken. Die Vermittlung zwischen zeitgeschichtlicher Forschung und Erinnerung der Mitlebenden trat dabei zugunsten einer Verständigung über die Gegenwart der Stadt in den Hintergrund. Das Ziel, die Betrachtung der Vergangenheit für eine Analyse der Gegenwart und der Entwicklung von Zukunftsperspektiven zu nutzen, konnte dabei nur bedingt eingelöst werden. Während im ersten Panel der Fokus ausschließlich auf der Vergangenheit Eisenachs als kirchliches Zentrum in der DDR und insbesondere auf dem Jahr 1989 als identitätsstiftender Moment lag und ein Blick von dort in Gegenwart oder Zukunft der Kirche in Eisenach ausblieb, waren die beiden letzten Panels fast ausschließlich mit Gegenwart und Zukunftsaussichten der Stadt beschäftigt. Am besten gelang die Verknüpfung gegenwärtiger Problemlagen mit der Vergangenheit im zweiten Panel zur Automobilindustrie Eisenachs, in der sich nicht nur der Stolz auf die lokale Produktion, sondern auch die wiederkehrenden Krisen als rote Fäden durch die Zeitschichten erwiesen. Ob positive Zukunftsvisionen und die Bewusstwerdung der eigenen Stärken wirklich die Schlüssel sind, um den kommenden Strukturwandel im Zuge der Verkehrswende in der Stadt zu meisten, wird sich zeigen.

Konferenzübersicht:

Grußworte

Jörg Ganzenmüller (Vorstandsvorsitzender der Stiftung Ettersberg, Weimar) und Christoph Ihling (Bürgermeister von Eisenach)

Der „Eisenacher Weg“ – Kirche, Staat und Stadt

Michael Weise (Historiker, Stiftung Lutherhaus Eisenach): Impulsvortrag

Podium: Margot Friedrich (Schriftstellerin, Journalistin und Zeitzeugin, Erfurt), Christhard Wagner (Theologe, Erfurt)

Moderation: Sebastian Kranich (Theologe, Direktor der Evangelischen Akademie Thüringen, Neudietendorf)

Wartburg, Opel, PSA, Stellantis – Transformation einer Industriestadt

Jessica Lindner-Elsner (Historikerin, Stiftung Automobile Welt Eisenach): Impulsvortrag

Podium: Harald Lieske (Betriebsratsvorsitzender bei Opel Eisenach 1991-2013, Eisenach), Reinhard Schäfer (Geschäftsführer des Vereins „Automobilbau Museum Eisenach e. V., Eisenach), Uwe Laubach (Bevollmächtigter der IG-Metall Eisenach)

Moderation: Peter Rossbach (Journalist, Eisenach)

Friedliche Revolution und Zivilgesellschaft: Bürgerengagement in Eisenach

Michael Klostermann (Präsident des Kreissportbundes Eisenach): Impulsvortrag

Podium: Philipp Pommer (Bündnis gegen Rechtsextremismus Eisenach), Juliane Stückrad (Ethnologin, Volkskundliche Beratungs- und Dokumentationsstelle im Thüringer Freilichtmuseum Hohenfelden, Eisenach), Nele Bär (BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN, Regionalverband Wartburgkreis, Regionalvorstand Stadt Eisenach)

Moderation: Alexandra Husemeyer (Netzwerkerin, Eisenach)

Zentrum am Rand oder kraftvolle Provinz: Wo liegt Eisenachs Zukunft?

Nicole Päsler (Integrationsmanagerin der Stadt Eisenach): Impulsvortrag

Podium: Thomas Levknecht (Pressesprecher Thüringer Sportverein, Eisenach), Franziska Nentwig (Burghauptfrau und Vorstand der Wartburg-Stiftung, Eisenach), Shpetim Alaj (Inhaber Zoll und Spedition Service Alaj, Eisenach), Thomas Giesa (Schulleiter Martin-Luther-Gymnasium, Eisenach)

Moderation: Peter Wurschi (Thüringer Landesbeauftragter zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Erfurt)

Rahmenprogramm

Digitale Fotopräsentation mit Arbeiten von Ulrich Kneise (Fotograf, Eisenach)